Preisträger 2026
Prilly Malley
Stadtentwicklung rund um den öffentlichen Verkehr gestalten
Das Gebiet Prilly-Malley eröffnet ein neues Kapitel in der Verbindung von öffentlichem Verkehr und Urbanität, das die Jury besonders überzeugt hat.
Nominiert
Liestal (BL)
Sursee (LU)
Leistungskennzahlen
1. Ein grossräumiges Intermodalitätsgebiet
Das Gebiet Prilly-Malley eröffnet ein neues Kapitel in der Verbindung von öffentlichem Verkehr und Urbanität, das die Jury besonders überzeugt hat. Im Unterschied zu vielen klassischen Verkehrsknotenpunkten basiert die Intermodalität in Prilly-Malley nicht auf der Zusammenführung aller Verkehrsmittel an einem einzigen Ort. Vielmehr nutzt das Konzept bewusst die räumliche Distanz zwischen Bahn, Metro und Tram, um ein grösseres Gebiet zu erschliessen und zu beleben. Ergänzt werden diese leistungsstarken Verkehrsmittel durch mehrere Buslinien.
Dadurch wird die Umsteigeentfernung zwischen den verschiedenen Verkehrsträgern selbst zu einem Motor für die Belebung und Entwicklung des Quartiers. Dies ist umso bedeutender, als Prilly-Malley lediglich eine Bahnhaltestelle und kein eigentlicher Bahnhof ist. Die Dienstleistungen und Geschäfte, die man typischerweise bei einer Verkehrsdrehscheibe erwartet, befinden sich deshalb im Quartier und nicht in der Haltestelle selbst.
2. Ein neues interkommunales Zentrum
Die Entwicklung rund um Prilly-Malley entspricht in vorbildlicher Weise dem Prinzip der inneren Stadtentwicklung. Auf ehemaligen Industrie- und Gewerbebrachen, darunter ein früheres Gaswerk und ehemalige Schlachthöfe, entsteht ein neues urbanes Zentrum. Der Verkehrsknoten wirkt dabei als Motor für die Entstehung eines neuen urbanen Zentrums.
Langfristig werden auf diesem Areal rund 10’000 zusätzliche Einwohnerinnen, Einwohner und Arbeitsplätze Platz finden. Geplant ist ein gemischt genutztes Quartier mit geringem Motorisierungsgrad, das durch kleinere Plätze sowie lebendige und zugleich intime öffentliche Räume geprägt wird.
3. Eine Bahnhaltestelle, eine Metro und ein Tram
Die von Architekt Rodolphe Luscher entworfene Bahnhaltestelle wurde 2012 eröffnet und zeichnet sich durch ein grosses Dach mit klaren Linien aus. Die geneigten Metallflächen erzeugen eindrucksvolle Lichtwirkungen. Sie wird von der Waadtländer S-Bahn bedient, die in jeder Richtung vier Züge pro Stunde anbietet.
Die Gleise befinden sich auf Niveau +1. Im Jahr 2026 wurde die Südfassade geöffnet, um durch die Unterführung eine visuelle Verbindung zwischen beiden Seiten der Anlage zu schaffen. Auf der Nordseite führte die Unterführung ursprünglich zu einer Tankstelle. Diese wurde inzwischen entfernt und durch einen kleinen, angenehm beschatteten Park ersetzt, was eine starke symbolische Wirkung entfaltet.
Ende 2026 wird eine weitere Grünfläche am Fuss des Tilia-Turms die Verbindung bis zum historischen Viadukt und zum neuen Tram Lausanne-Renens herstellen, das sich 200 Meter vom Bahnhof entfernt befindet.
250 Meter südlich liegt die Metro M1, die seit 1991 in Betrieb ist und die Hochschulen erschliesst. Tram, Bahn und Metro bilden somit drei leistungsfähige, weitgehend parallel verlaufende Verkehrssysteme. Ergänzt werden sie durch Buslinien sowie künftig durch ein Bus-Hochleistungssystem (BHNS), das auf quer oder diagonal verlaufenden Achsen verkehren wird.
Im Jahr 2020 wurde auf der Seite von Renens eine zweite Unterführung für Fussgänger und Velofahrende eröffnet. Sie ermöglicht den Zugang zu den Bahnperrons, quert die Gleisanlagen und stellt die Verbindung zu einer Veloverbindung Richtung Renens her. Eine architektonisch gelungene Helixrampe überwindet den Höhenunterschied zur Nordseite der Gleise.
Dieses Bauwerk mit dem Namen « Trait d’union » (Bindeglied) erhielt 2020 den Schweizer Infrastrukturpreis für Veloverkehr. Das gesamte Gebiet verfügt über rund 600 Veloabstellplätze, deren Anzahl bei Bedarf erweitert werden kann.
4. Infrastrukturen und Hochhäuser
Mehrere Einrichtungen von regionaler Bedeutung befinden sich auf dem Areal, darunter das Théâtre Kléber-Méleau (TKM, 1979), der Kinokomplex Malley-Lumière (2009) sowie die Vaudoise Arena (2022) mit einem olympischen Schwimmbecken und einer Eishalle mit 9’000 Plätzen.
In unmittelbarer Nähe des Bahnhofs wurden vier Hochhäuser mit 25 bis 30 Stockwerken errichtet, darunter zwei mit Holztragwerk. Sie bieten Raum für rund 1’500 Einwohnerinnen, Einwohner und Arbeitsplätze. Um Monotonie im Quartier zu vermeiden, wurde bewusst auf unterschiedliche Architekturformen gesetzt. In den Erdgeschossen befinden sich Geschäfte und Dienstleistungen. Darüber folgen mehrere Ebenen mit Arbeits- und Büroflächen, während in den oberen Geschossen Wohnungen verschiedener Kategorien untergebracht sind. Die nächsten Gebäude werden vor allem Wohnbaugenossenschaften umfassen und sollen ab 2030 verfügbar sein.
Dass die Bahnhaltestelle vor dem Quartier realisiert wurde, erwies sich als Vorteil, da dadurch ein sehr geringer Parkplatzschlüssel festgelegt werden konnte: zunächst 0,5 und später 0,3 Parkplätze pro 100 m² Bruttogeschossfläche.
5. Bestehendes neu interpretieren und administrative Grenzen überwinden
Getragen von der Vision eines Quartiers des 21. Jahrhunderts wurden die einzelnen Projekte nicht einfach nebeneinandergestellt, sondern gezielt aufeinander abgestimmt und miteinander verknüpft. Diese Weiterentwicklung des Bestehenden zeigt sich beispielsweise in der Umgestaltung des Sockelgeschosses von Malley-Lumière mit neuen Schaufensterflächen, in der Öffnung der Südfassade des Bahnhofs oder in der Anpassung der zweiten Personenunterführung, die einen direkten Zugang zum Perron 4 und künftig auch zum Perron 1 ermöglicht. Diese und zahlreiche weitere Eingriffe verleihen dem Bestand zusätzlichen Nutzen, Qualität und Bedeutung.
Ein weiterer Schlüsselfaktor für den Erfolg des Quartiers liegt darin, dass die Zusammenarbeit weit über eine klassische Koordination zwischen den Gemeinden hinausging. Eine gemeinsame technische Organisation der beiden Gemeinden – die «Fabrique de Malley» – entwickelt das Projekt, stellt die Kohärenz der öffentlichen Räume sicher und koordiniert die verschiedenen Entwicklungen. Sie verfügt über die Entscheidungsbefugnis von je zwei delegierten politischen Vertretungen beider Gemeinden, um die Vorhaben effizient umzusetzen.
Das Ergebnis ist eine aussergewöhnlich enge Zusammenarbeit mit hoher Reaktionsfähigkeit: Vor Ort ist praktisch nicht erkennbar, wo Gemeinde- oder Grundstücksgrenzen verlaufen.